Startseite
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 

Webnews



http://myblog.de/fingerring

Gratis bloggen bei
myblog.de





 

Henne in Brust

Zwar klang es gelöst, doch bleibt seine Brust nicht still. Beharrlich dringt ein immer lauter werdendes Gackern an ihr Ohr. Sie traut sich nicht den Kopf von der Männerbrust zu heben. Ist er doch gerade mit dem Knacken erst in ihr Bett gekommen, kann er gleich auch geräuschlos wieder daraus verschwinden; und hinterlässt Lavendelgeruch. Behutsam wischt sie ihre Wange an seinen Rippen entlang, dreht und stützt das Kinn auf seine Brust. Da sind die bekannten Flecken auf seiner Haut, wie gwollt liegt sein Finger auf der Kehle und zeigt ihr den Leberfleck, der Glück bedeutet. Umkranztes Bild vom dickschwarzen Haar. Im Versuch ihre Augen zu fassen schlägt sein Hals schmale Falten. Das Huhn gluckst gewürgst. "... ja da", murmelt er. Aus seinem Mund zieht verbrannter Zuckerduft in ihre Augen; haucht zart auf die Lider. Im Begriff zu Schnurren schlägt sie sie auf, weiße Fäden spinnen von hinten über sein Gesicht. Still spürt sie, wie es sich ihr um die Hüfte strickt, zwei links zwei rechts, ganz weich, zu Watte, warm. Bei 32°C Zuckertemperatur müssen sie schwimmen, sonst versinken sie in dem weiß klebrigen Brei. Mehr Kühlung ist nötig, Verbranntes klebt am Boden. Schlag um Schlag schwimmt sie weiter voran, trinkt den heißen Tau von seiner Haut. Da erkennt sie Daunen im Weiß, Federn auf seiner Haut, wie sie die Furchen seiner Rippen zart streicheln; unabsichtlich landet eine Hühnerkralle in ihrer Aorta. Sie presst die Stirn an seine Brust, drückt die Rippenbögen nach innen. Auf seinem Bauch liegen frische Eier, sie sieht große As auf der blitzweißen Schale. Herzblut wärmt diese Kinder. Modergeruch hält ihren Kopf, sie kann ihn nicht spüren; lila Knospen überwuchern gemächlich das Weiß. Taktvoll brechen sie auf.

21.12.07 05:05


Dritter Anfangstag

Der Sandmann winkt brav wie ein Deutscher, wippt eine Hand mit ausgestreckten Fingern zu beiden Seiten. Weil sie den Schlafsand nicht aus den Augen reibt geht der Fernseher aus, die Katzen müssen auf den Flur, Frau und Herr Ring trotten ins Schlafzimmer. Sie huscht auf den Dachboden, um mit letzter Kraft den Kassettenrekorder zu suchen. Auf dem Boden wird nie etwas bewegt, schon steht das alte Gerät neben ihrer Matratze. Die Kassetten liegen aufgestapelt vor Deck A, nur B funktioniert noch. Sie legt Holle Honig in das heile Fach. Während eine männliche Stimme Babsi Boingboing besingt schiebt sie die Haken ihres Büstenhalters gegeneinander; zwei weißabgepackte Tabletten fallen auf den Läufer. Als Holle Honig, der Bär einer alten Dame die Koffer tragen hilft, schiebt sie ein kleines Kissen unter ihren Rücken und ein großes unter den Kopf. Dass die erste Seite nach fünfzehn Minuten abgelaufen ist und das Gerät sich selbst ausschaltet hört sie nicht. Das Knacken kommt aus der Brust des Mannes neben ihr.

20.12.07 04:04


Zweiter Arbeitstag

Sie dreht sich dem Fleischwolf zu. Der große runde Klumpen liegt wie unberührt auf dem Tisch. Sie hat es satt den süß fetten Teigbatzen portionsweise nachzupressen. Wenn zu wenig im Schlund ist und sie neuen Teig hinzudrückt, schmatzt es laut auf. Der satte Wolf gibt immer gleichstarke Teigzöpfe hinten raus. Während die eine Hand drückt, die zweite kurbelt; die erste die Zöpfe hinten abzieht, die zweite beim formen hilft; landen Reihe für Reihe kleine Ringe auf dem schwarz glänzenden Blech. Es riecht nach Blutwurst und Zimt, der Kater schnurrt beim Essen. Die Kurbel quietscht bei jeder Umdrehung lauter, bis Teigreste nur noch zwischen ihren Lippen und Rockfalten kleben. Sie schiebt das erste Blech in den Ofen und geht los, um ihre Hände zu leihen. Sie heben Schränke von einem Zimmer ins andere; in einigen Holzstücken hinterlässt sie halbrunde Kerben, das Nähtischen aus ihrem alten Zimmer. Sie kommt durch die Räume, gelb, grün, weiß, rot, weiß; sie riecht des alten Bettzeug Lavendel, der roten Stühlchen Plastik. Beim Aufbauen kann sie nichts machen: die Spitzkringel. Die vorderen sind etwas geistlich geraten; Pistaziengehacktes bedeckt schnell die hellgelbe Oberfläche.

19.12.07 03:03


Erster Besuchertag

Im Gästebad liegt eine grünverpackte Seife im Plastikregal, mit roter Schleife. Im Zahnputzbecher aus dem Küchenschrank stehen aronal und elmex; auf den Tuben steht nicht welche morgens, welche abends zu benutzen empfolen wird. Zwei gleichweiße Pastenstücke liegen auf den Zahnbürsteborsten. Dann am Ostseestrand mit sauberen Zähnen. Kein Wind, flache Brandung, tiefe Absatzspuren im feuchter Sand. Möwen spielen Hühner auf der Stange auf den Buhnen. Im Sommer schreien die Rettungsschwimmer die Kinder an, sie sollen 'runter von'ne Buhen'. Dabei stehen sie auf den Rettungstürmen und sparen ihre Kraft für die extremen Fälle. Jetzt liegt trockener Schlick bis an die Dünen; Vögel picken zwischen die toten Algen, Sammler pükern nach Bernstein. Schuhspitzen deuten auf orangeblasse Steinchen, in der Hand liegt ein gelber. Auf der Promenade begegnen sich Kurgäste und Einheimische vermutlich. 

18.12.07 02:02


Herr Ring

"Du lässt die Mütze auf'm Kopp", stellt Herr Ring fest; die trockene Stimme schwingt diesen Satz lang. Sein Haar ist nicht orange, es fällt schon in die Stirn. "Setzt dich!" Kerzen sind aufgestellt, ein neues gedämmtes Licht über der Spüle. Der Tisch unterscheidet nicht Mittag oder Abendbrot, neben Schweinebraten Marmelade. Herr Ring holt Störtebecker Bier und verschenkt auf drei Gläser wie Gin. Er röchelt, es brennt in der Kehle. Herr Ring isst die Reste, denn alles hat etwas gekostet. Herr Ring hält den Mund, denn arbeiten tut er genug. Jetzt ist er der Einzige und auf dem Dachboden baut er gerade eine Dunkelkammer aus. In der Luft hängt Gießen und Gurgeln, mehr Bier gibt es längst. Das Störtebecker ist alle, "Du warst ja nie auf den Festspielen", fragt er zwischen Butter und Brot. Es gibt sie jedes Jahr, immer eine Folge auf die andere, dann wieder von vorn. Einmal ist eine Frau von einem Turm gesprungen, aus Trauer, vor Wein. Störtebecker konnte sie nicht retten. Er rächte ihren Tod. Herr Ring will auf Schwarzen Steiger umsteigen, das ist schwärzer. Er holt Schnapsgläser. Als er den Hocker beim Setzen verdreht, beginnt der Kater zu betteln; er wartete hinten, vor der Tür. "Du bist gar nicht hungrig." Schnurren umstreicht seine Beine. Herr Ring befüllt zärtlich das Glas. Er zieht es näher zu sich und schaut von oben auf die kleine schwarzrunde Fläche. Strähnen schimmern grau über die Augen. "Sei still", rauhnt er runter.

17.12.07 01:01


Frau Ring 

Zum Norden hin wird das Land flacher und brauner; gepfügte Acker säumen die Straße. Frau Ring sagt, "Auf'm Navi fahr'n wir über'n Acker". Ihre Lippen laufen an, ihre Falten sind unbewegt. Frau Ring erzählt wie sie auf der Fahrt nach Berlin fast zum Geisterfahrer wurde; ihr Fuß wird schwer, die neue Autobahn ist gerade. "Die A20 muss man doch kennen", sagt sie zweimal lauter. Ihre Sonnen um die Augen strahlen wie Lubmins KKW früher. Als das lief war das Wasser warm und es gab Fische und Fischer. Ohne Kernkraft ist die Ostsee kalt. Frau Rings Augensonnen strahlen tiefer, "weil in Lubmin nichts mehr strahlt", haben ihre Kinder gesagt. Ihre Kindergratenkinder haben auch die neue Autobahn gemalt bei ihr. "Die kennen nämlich die A20", erklärt sie in Richtung Frontscheibe. Das Navigationasgerät hat sie mit ihrer eigenen Spucke festgepappt, es glänzt silbrig. Frau Ring wird still, im Profil sind die Lippen spitz. Aus ihrem Gesicht kommt kein Blut mehr. Frau Ring ging lange zur Sonnenbank, sie sieht immer gesund aus. Als es blitzt nimmt Frau Ring Gas weg. "Vielleicht hängt der Navi hoch genug."

16.12.07 00:00





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung